Allgemeines
Der Kirchenschatz von Glarus umfasst liturgische Geräte von aussergewöhnlicher Schönheit und historischer Bedeutung: ein Messkelch aus dem 13. Jahrhundert, mit dem schon Ulrich Zwingli die Messe gefeiert hat, das Brandiskreuz mit Holzpartikeln vom Kreuz, an dem Jesus gestorben ist, oder die barocke Silberfigur von St. Fridolin und Ursus, derentwegen es im Glarnerland beinahe zu einem Bürgerkrieg gekommen wäre. In ihrer Bedeutung übertroffen werden sie von der Hostien-Monstranz von 1518, die in gestalterischer und stilistischer Hinsicht europaweit ihresgleichen sucht.
Im Zentrum der Ausstellung stehen die elf herausragenden Schatzstücke. Ziel der Ausstellung ist es, die Objekte ihrem Wert entsprechend zu präsentieren und sie als Kunstwerke erlebbar zu machen, für deren Erschaffung nur das Schönste gut genug war. Gleichzeitig lässt sich anhand einzelner Objekte die Kirchengeschichte von Glarus vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert nacherzählen.
Unser Kirchenschatz ist ausführlich beschrieben in der Publikation: Studer-Freuler, German und Jakober-Guntern, Fridolin. Die katholische Pfarrei und Kirchgemeinde Glarus-Riedern: eine geschichtlich-kulturelle Betrachtung, Glarus 1993, S. 413-520. Landesbibliothek Glarus

Besichtigung und Führung
Der Kirchenschatz von Glarus kann auf Anfrage besichtigt werden, Führungen durch Dr. Fritz Rigendinger. Ihre Anfrage richten Sie bitte an das Pfarreisekretariat unter pfarrei@sankt-fridolin.ch oder Telefon 055 640 22 77.

Highlights
Burgunderkelch, sog. Zwinglikelch
Der wohl um 1280 in Freiburg i. Br. entstandene Messkelch stammt aus der Burgunderbeute. In der Fussunterseite ist der Name des Reformators Ulrich Zwingli (Calix Uly Zwingli 1516) eingeritzt ist, der als Messpriester von Glarus mit den Glarnern den Feldzug nach Marignano mitmachte und den Kelch benutzt hatte. Am Fuss in den gestanzten Medaillons und in den Rotuli der Stümpfe auf dem Knauf sind die Evangelistensymbole angebracht. Im Metropolitan Museum in New York steht eine genaue Kopie dieses Kelches.

Brandiskreuz
Das vermutlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstandene gotische Kreuz kam im Zusammenhang mit dem Schwabenkrieg 1499 aus der Kapelle von Schloss Maienfeld nach Glarus. An den Kreuzenden die Evangelistensymbole in den Medaillons. In der Vierung unter Kristall ein Holzsplitter, der vom Kreuz stammen soll, an dem Jesus gestorben ist. Auf der Rückseite in den oberen drei Kreuzenden IHS-Zeichen, am unteren Ende Wappen der Brandis und im Mittelteil das apokalyptische Lamm. Das Kreuz erhielt in der unter Zwingli 1510 an die Kirche angebauten Kapelle einen eigenen Altar, Zeichen der hohen Verehrung, die es genoss. Zu diesem Kreuz wurden der Brunnerkelch und die Kreuzpartikelmonstranz geschaffen, um es in angemessener Weise ausstellen zu können.

Hostienmonstranz
Die Hostienmonstranz von 1518 ist wahrscheinlich nach Entwurf von Hans Holbein dem Jüngeren (1497–1543) geschaffen worden. Es ist dies die einzige Monstranz, die ganz in den Formen der italienischen Renaissance geschaffen ist und auch keinerlei Schmucksteine enthält. Die inhaltliche Vorgabe erhielt der Gestalter wohl vom nachmaligen Reformator Zwingli (1484–1531), der von 1506 bis 1516 Pfarrer von Glarus war. Sie wurde deshalb auch als Zwinglimonstranz bezeichnet. Als Silberschmied wird der Basler Meister Jörg Schweiger vermutet. 85,5 cm hoch und 27,2 cm breit, aus reinem Silber geschaffen, die Figuren und einige wenige Verzierungen vergoldet. – Die kunsthistorische Wertung belegt ihren Rang: «In gestalterischer und stilistischer Hinsicht eine einzigartige Goldschmiedearbeit, die in ganz Europa nicht ihresgleichen findet.» – Typisch für das seit der Reformation paritätische Glarus, in dem die Hauptkirche bis 1964 von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt wurde, ist, dass ihre Bedeutung von einem evangelischen Pfarrer erkannt worden war.

Fridolin und Urso
Die ausdrucksstarke, barocke Silberplastik (Altar- und Prozessionsstatue) von Fridolin und Urso schuf 1638 der Rapperswiler Goldschmied Oswald Schön. Sie ist in getriebenem Silber gehalten, Nimbus und Einfassung des Reliquienfensters vergoldet. In der Brust und im Sockel Reliquien von St. Fridolin, dem Landes- und Kirchenpatron. Höhe 87 cm inkl. Holzsockel von 26 cm, Stab 62,4 cm. Eine Sammlung unter den Gläubigen ermöglichte diese Statue, die zum Streit zwischen den Konfessionen und schliesslich zum getrennten Begehen der Näfelser Fahrt (Gedenkfeier an die Schlacht bei Näfels) führte. Die Katholiken trugen sie 1639 «zur Vermehrung der Andacht und zur Zierde der Prozession» an die Fahrt mit. Für die Reformierten aber wurde die Fahrt dadurch zur «abergläubischen und götzendienerischen Gedächtnisfeier». Es gerieten sich barocke Heiligenverehrung und reformierte Nüchternheit in die Haare. Nach allerhand Wirren, Streitereien, theologischen Gutachten, politischen Aktivitäten, harschen Worten und Vorwürfen nahmen die Neugläubigen von 1655 bis 1835 an der Fahrt nach Näfels nicht mehr teil, sondern gedachten in ihren Pfarrkirchen der errungenen Freiheit. Das Schlagwort «Schiedlich – friedlich» des Zwinglianers hatte sich durchgesetzt.

Hörtexte
Im Folgenden finden Sie kurze Texte von Schatzkustos Sepp Schwitter, die bei Führungen auch per Audioguide abrufbar sind.